Tagebuch 2008/2010

Wednesday, 22. april 2009 3 22 /04 /Apr. /2009 20:10

Es ist Sonntag Abend, gerade habe ich meinen Dienst beendet und noch einen kleinen Spaziergang gemacht. Ich ärgerte mich mal wieder über die blöden Kühe, die mir ständig hinterher laufen, in der Hoffnung ich würde ihnen etwas Futter geben. Sie sehen wirklich so aus, als könnten sie jede Menge davon vertragen, sind alt und klapprig, aber heilig. Sie aus Mitleid zu töten, ist in Nepal ein Verbrechen. Also liegen sie überall rum und erheben sich nur auf der Suchen nach Gras, das wegen der Dürre nicht so viel zu finden ist. Als ich zurück ins Heim komme, ruft mir Beeke, meine holländische Kollegin, schon aufgeregt zu: „Je zult bellen dringend in Duitsland, een vrouw Britta.“

Was soviel heißt, ich sollte dringend Britta in Deutschland anrufen. Da wir keine Auslandsgespräche führen können, bin ich sofort mit unserem Toyota Bus in die Stadt gefahren und habe den erst besten Telefonladen aufgesucht und über die Festnetznummer versucht Britta zu erreichen. Nach dem ich sehr lange klingeln ließ, wählte ich dann die Handynummer und da meldete sie sich auch sofort. Ohne das ich überhaupt was sagen konnte, eröffnete sie mir sofort, dass etwas sehr schlimmes passiert wäre und fragte, ob ich sofort kommen könnte. Mir blieb fast das Herz stehen. Ich hatte Britta so noch nie erlebt, die sonst immer die Ruhe in Person war. Heute am Telefon war sie ganz aufgebracht und erzählte mir von einem Autounfall, den Tim auf der Autobahn von Köln nach Düsseldorf gehabt hat. Ich schrie nur „Nein“ und kriegte die nächsten Sekunden keinen Ton mehr raus. Tim! Wenn ich dachte, alles in meinem Leben eingeplant zu haben, ich hatte nie auch nur in Erwägung gezogen, dass einem von uns beiden etwas zustoßen könnte. Mühsam wollte ich aus Britta raus quetschten, was passiert ist. Sie beschränkte sich darauf, mir zu sagen, dass es sehr schlimm um Tim steht und er im Koma liegt, die Ärzte nicht sagen können, ob er wieder aufwacht.

Mein Hals war wie zugeschnürt, ich konnte selbst kaum was sagen und merkte schon, wie ich mit den Tränen kämpfte. Ich sah Tim im Krankenhaus, mit den vielen Schläuchen und Geräten, und betete zu allen Göttern, sie mögen mir das nicht antun. Ich versprach Britta sofort zu kommen und bin dann direkt zum Flughafen gefahren um einen Flug zu finden. Zum Glück hatte ich einen freien Platz auf einer Quatar Maschine bekommen, die morgens um halb 10 in Kathmandu startete und über Katar nach Frankfurt flog. Knapp 13 Stunden Flugzeit lagen vor mir und ich hatte noch kein Auge zu gemacht und konnte auch nicht schlafen. Zu viele Sachen gingen durch meinen Kopf. Mein Herz schmerzte wirklich, ich spürte einen wahnsinnigen Druck. Im Internet habe ich mich dann ein bisschen abgelenkt und mit Freunde gechattet, damit ja die Zeit bis zum Abflug schnell vergeht.

Zum Frühstück fragte ich Henk, ein Kollege aus Rotterdam, ob er mich zum Flughafen fahren kann. Bei der Botschaft hatte ich mich telefonisch abgemeldet, die mir zugesagt haben, den Papierkram für mich zu erledigen. Für solche Fälle steht mir Urlaub zu, das war gar kein Problem. Im Gegenteil, alle hatten Verständnis dafür.


Jetzt sitze ich in der Maschine nach Doha und habe noch drei Stunden Zeit bis zur Landung in der Wüste. Ich frage die Stewardess nach meinem Anschlussflug. Sie guckt sich mein Ticket an, rennt nach Vorne und kommt mit ihrem Flugplan zurück. „This flight is Tuesday 01:15 pm departure Doha“ . Das kann gar nicht sein, wir haben Montag vormittag und man hat mir gesagt, ich lande um 11:45 Katar Zeit und kann knapp 1 Stunde später weiter fliegen. Ich sage ihr, ich habe Flug QR 027 und sie nickt nur „Yes“, es sei der Flug am Dienstag. Am Montag geht nur Flug QR 023 nach Frankfurt und die Maschine startet um 12:55 und landet um 6:30 pm Ortszeit in Frankfurt. Na toll, hatten die mir in Kathmandu am Flughafen statt 023 den Flug 027 gebucht und ich soll über 12 Stunden auf dem Flughafen sitzen. Ich bin fast am verzweifeln.


Wir landen pünktlich bei strahlend blauem Himmel in der Wüstenstadt, die so viele Hochhäuser hat. Ich hab für alles keinen richtigen Blick. Beim letzten Mal war das für mich wahnsinnig aufregend und ich wollte mehr sehen. Heute war ich nur auf der Suche nach dem Schalter von Quatar Air um das Missverständnis mit dem Flug zu klären. Nachdem ich nachdrücklich die Dringlichkeit erklärt hatte und man da wirklich sehr nett war, sich für den Fehler der Kollegen in Kathmandu entschuldigte, war es fast zu spät. Die Maschine mit der Flugnummer QR 023 war bereits aufgerufen und stand unmittelbar vor dem Start. Ich bemühte wieder mal meine Götter, erzählte von meinem UN Einsatz in Nepal und irgendwie wirkte das Wunder. Ob ich den meinen UN-Ausweis bei mir hätte, den ich gleich aus meiner Tasche zog und vorlegte. Ab da ging alles ganz schnell, ich bekam eine Bordkarte, eine Begleitung zum Flugzeug mit einem Elektroauto und war kurze Zeit später in der nur auf mich wartenden Maschine. Auf der Bordkarte war ein Aufkleber „UN“ . Der Steward am Eingang begrüßte mich freundlich. Wie ich mich zur Economy Class begeben will, bekomme ich von ihm einen Sitzplatz in der First Class zugewiesen.


Diese Klasse ist nicht ausgebucht, mit mir fliegen noch ca. 20 Personen. Vor mir in den Sitzen 2 Scheichs oder jedenfalls so gekleidete. Hier ist an alles gedacht, ich habe einen Stromanschluss für mein Laptop und schreibe nun während des Fluges, um mich etwas abzulenken. Trotzdem kreisen meine Gedanken immer noch um Tim, es schmerzt mich, zu wissen, dass es ihm nicht gut geht. Ich höre mein Weihnachtsgeschenk von Britta, das Buch der Menschlichkeit des Dalai Lama. Die Worte höre und verstehe ich, aber ich kann sie überhaupt nicht zuordnen. Ein Hörbuch ist keine gute Ablenkung, ich kann mich einfach nicht konzentrieren. Der Sitzplatz neben mir ist leer und ich breite da meine Rucksack aus. Meine Diddlmaus, die ich wie einen Juwel in einem extra Fach aufbewahre, halte ich in der Hand und schließe die Augen. Über fünf Jahre habe ich dieses kleine Stofftier, das inzwischen schon 2 mal in einen neuen Rucksack umziehen musste. Ein Begrüßungsgeschenk von Tim, als ich zum ersten Mal nach Düsseldorf kam. Ich halte es fest und muss wohl eingeschlafen sein, Irgendwann wurde ich durch einen wunderbaren Essensgeruch geweckt. Wie lange hatte ich kein Essen aus westlicher Küche mehr gesehen. Statt Plastikteller und Besteck gibt es Porzellanteller. Ich bestelle Lachs mit Safranreis, stochere lieblos im Essen rum während meine Gedanken schon wieder um Tim kreisen.


Ich kritzel auf meinem Schreibblock den 11. Juli 2003, diese Freitag Nacht, in der ich nur mal kurz frische Luft am Stand schnappen wollte, die alles für mich veränderte. Ich schreibe die Jahrezahlen bis 2009 untereinander und rechne das in Tage um. Schließlich komme ich auf 2100 Tage. Ich rechne aus, wie lange ich bis jetzt lebe: 7634 Tage. Daraus errechne ich 183216 Stunden. Jetzt begreife ich die Dimension des Lebens. Jede Stunde erscheint mir auf einmal sehr wertvoll. Eine Erkenntnis, die ich weiter vertiefen will um das optimale aus meiner Lebenszeit zu machen.


Die Maschine setzt zu Landung an. Ich sehe die Hochhäuser von Frankfurt in weiter Ferne als ich mich anschnalle und meine Sachen in den Rucksack stecke und mein Laptop.


Vor mehr als 24 Stunden bin ich in Frankfurt gelandet. Sofort hatte ich Britta auf dem Handy angerufen, bekam aber nur die Mailbox, was mich in Panik versetzte. Auf meine Nachricht rief sie dann ein Stunde später an, da war ich schon im Siebengebirge. Sie war im Krankenhaus und da, dass wusste ich aus eigener Erfahrung, darf man das Handy nicht benutzen. Ich merkte direkt, wie ihr ein Stein vom Herzen fiel, als ich ihr sagte, dass ich bald da bin. Tim Zustand sei unverändert und er ist noch nicht aufgewacht, wohl aber deshalb, weil die Ärzte ihn in ein künstliches Koma versetzt haben. Sven, der mich in Frankfurt abgeholt hatte, raste über die Autobahn, während ich bei Siegburg das Navigationssystem programmierte, weil ich nicht wusste wo das Krankenhaus in Neuss ist. Gegen 22:30 fuhren wir dann endlich vor die Unfallchirurgie. Sven wollte mich allein lassen und setzte mich nur ab. Nach der Anmeldung bei der Rezeption klingelte ich an der großen Tür zur Intensivstation und musste mir einen grünen Kittel anziehen, bevor mich eine Schwester in das Zimmer führte. Hier traf ich Britta und Philipp, Tims Eltern, die neben dem Bett saßen und ganz blass aussahen. Tim lag mit geschlossenen Augen da, überall Kabel und man hört das Blasen der Beatmungsmaschine. Ich ergriff Tims Hand und heulte los., Diese Hand, die mich gehalten hat, war regungslos. Jetzt fiel mir auch noch auf, dass der Ring fehlte. Britta beruhigte mich, sie haben alles aus Sicherheitsgründen abgenommen und sie hat den Ring von einer Schwester bekommen. Nach einer viertel Stunde sind wir dann vor die Tür gegangen und jetzt erst konnten wir wirklich reden.


Tim war auf dem Weg von Köln nach Meerbusch auf der A 52 in einem Stau von von einem LKW mit voller Wucht auf das vordere Auto gedrückt worden und hat schwere Schäden am Kopf, gebrochene Rippen und innere Verletzungen. Gerade versuchen die Ärzte seinen Zustand zu stabilisieren. Philipp hat sich alles angesehen und teilt die Auffassung der Ärzte, dass die nächsten Tage sehr kritisch sind. Wir vereinbaren, dass beide etwas schlafen gehen und ich die Nacht bei Tim bleibe und wir uns am Morgen ablösen.

Ich ziehe den Stuhl ganz nah an das Bett und setze mich neben Tim, ergreife seine Hand und halte sie fest, während ich beobachte, wie sich sein Brustkorb, durch die Beatmungsmaschine angetrieben, gleichmäßig bewegt. Über dem Kopf hängt ein Monitor, der regelmäßig Piepstöne von sich gibt und die Herzfrequenz aufzeichnet. Ich versuche mit Tim zu reden, küsse das reglose Gesicht und bete wieder, das er bald die Augen aufmacht. Statt dessen kommen ständig Schwestern, tauschen Kanülen aus und bieten mir einen Kaffee an, den ich dankbar annehme. Ich gucke auf die Uhr und beobachte den Sekundenzeiger, wie er immer wieder die gleiche Runde dreht. Inzwischen ist es kurz vor drei. Durch das Fenster sehe ich die dunkle Nacht aber kaum Sterne am Himmel. Ich bewundere die Schwestern und Pfleger, die sich hier die ganze Nacht zusammen mit den Ärzten um die Patienten kümmern. Gegen halb sechs sollte ich dann kurz raus gehen, sie wollten Tim waschen und das Bett neu machen. Ich hab mich geweigert und das statt dessen selbst gemacht. Ganz vorsichtig habe ich Tim abgewaschen und der Schwester geholfen, das Bett zu machen. Gar nicht so einfach, erst die eine Seite machen, dann Tim auf die andere Seite schieben, der sich nicht rührte, dann die andere Hälfte des Bettlakens fest zu ziehen.


Um sieben musste ich dann vor die Tür, weil die Ärzte kamen und Untersuchungen machten. Ich nutzte die Zeit etwas frische Luft im Park des Krankenhauses zu schnappen. Wie ein Krankenhaus erwacht, sah ich so aus nächster Nähe. Überall gingen die Lichter an und erste Patienten erschienen im Park, um zu rauchen. Nach einer halben Stunde bin ich dann wieder zu Tim, bei denen immer noch ein Arzt war, der mich etwas beruhigen wollte und meinte, ich solle mich etwas ausruhen. Sobald sich etwas ändert, würden man mich anrufen. Das wollte ich nicht und wartete auf Britta, die etwas später alleine kam und mich ablöste. Sie versprach mich sofort anzurufen, falls Tim aufwacht und gab mir ihren Autoschlüssel, damit nach Hause komme. Hier sitze ich jetzt und schreibe mein Tagebuch an Tims Schreibtisch. Das ganze Haus ist leer. Ich fühl mich schrecklich alleine, einsam und hilflos. In ein paar Stunden werde ich wieder ins Krankenhaus fahren. Ich hoffe, dass ich schlafen kann.

Ich kann nicht schlafen. Draußen ist es hell und die Vögel zwitschern, ich wälzte mich nur im Bett und hatte ständig wirre Gedanken. Was ist, wenn Tim nicht wieder aufwacht, was passiert mit mir und was für Schäden können bleiben, wenn er es schafft und mehr als 50% dafür sprechen, dass er stark genug ist? Irgendwie wollte ich auch nicht einschlafen, weil ich Angst davor habe, schlimme Sachen zu träumen. Gegen Mittag kam Phillip, der auf den Weg ins Krankenhaus war und nach mir sehen wollte. Er gab mir eine Beruhigungsspritze und wollte, dass ich wieder ins Bett gehe. Dann bin ich doch eingeschlafen und erst am Abend wieder aufgewacht.

Wie ich ins Krankenhaus kam, war Tims Zustand immer noch unverändert. Jetzt haben sie ihm einen Luftröhrenschnitt gemacht und eine Magensonde eingesetzt. Ich blieb die ganze Nacht da und hab stundenlang beobachtet, wie er durch die Maschine atmete und die Tropfen gezählt, die aus der Infusionsflasche tropften. Als ich merkte, dass ich seit gestern nichts mehr gegessen hatte, knurrte mein Magen, da war es 2 Uhr morgens. In der Cafeteria hab ich mir am Automaten eine Tafel Schokolade und einen Kaffee geholt.

Als ich wieder neben Tim sitze und mit ihm rede, hatte ich das Gefühl, als würde die Herzfrequenz am Bildschirm schneller laufen. Die Schwester sagte, es könne gut sein, dass er mich hört. Ich habe ihm dann über eine Stunde erzählt. Wenn ich längere Zeit ruhig blieb veränderte sich auch der Monitor und die Kurve fiel wieder etwas ab. Ein eindeutiges Zeichen, dass er mich erkennt oder wenigstens hört, wie ich mit ihm spreche.

Wie Britta am Morgen kam um mich abzulösen und Phillip sie brachte, habe ich ihnen das gleich gesagt. Beide sahen das auch als gutes Zeichen.


Wir haben dann ausgemacht, dass ich zum Flughafen fahre um meinen Koffer, der wegen der falschen Flugbuchung in Doha nicht mit kam, abzuholen und ich dann mein iPod vorbei bringe. Vielleicht reagiert Tim ja auf Musik. Nachdem ich das alles erledigt hatte, habe ich bis am Nachmittag geschlafen. Britta rief mich an und sagte mir, dass die Ärzte Tim gerade operieren, weil sich der Zustand stark verschlechtert hatte und sie nicht mehr warten könnten. Ich bin dann sofort in Krankenhaus, Phillip war schon da und war bei der der Operation selbst dabei. Britta und ich saßen auf dem Flur und haben unendlich lange gewartet, immer auf die Tür guckend, bis Phillip aus dem OP kam und ganz fertig war. Es wäre alles gut verlaufen, meinte er, aber man kann erst in 2-3 Tagen mehr sagen. Etwas später haben sie Tim dann mit dem Bett raus geschoben. Die ganzen Geräte schob auf einem Wagen neben dem Bett, ein Pfleger. Wir durften dann nicht wieder ins Zimmer. Sie haben uns nach Hause geschickt und meinten Tim braucht jetzt absolute Ruhe. Wir sollen morgen ab 10 Uhr wieder kommen und könnten auch jederzeit anrufen um nach dem Zustand zu fragen.

Jetzt sitze ich wieder an Tims Schreibtisch und schreibe weiter über die letzten Tage. Ich habe unheimliche Angst. Viele Freunde haben mir SMS geschickt und mich angerufen. Aber ich mag nicht sprechen, es macht alles nur viel schlimmer, weil wir dann über das reden was war, ich mag aber nicht nachdenken über die Vergangenheit. Es tut weh, viel zu weh. Ständig denke ich dabei, dass ich das vielleicht nie wieder erleben darf. Das will ich nicht und hoffe unsere Freunde verstehen, dass ich kurz am Telefon bin. Natürlich sollen sie wissen, wie es Tim geht, sie leiden ja selbst mit. Aber ich bin leer, habe Angst und will nur mit mir und meinen Gedanken allein sein.

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