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Ich hab unfreiwillig eine Auszeit von fast 3 Wochen gehabt. Eine Zeit, in der ich wahnsinnig viel nachgedacht habe, vieles was ich gemacht habe anzweifelte und vieles ganz anders gemacht hätte, wenn ich es im Geist ablaufen lasse.
Vor einem Jahr um diese Zeit war die Welt für mich noch in Ordnung. Da war ich fröhlich in Nepal und freute mich schon auf meine Rückkehr nach Deutschland. Die kam dann leider viel früher, als erwartet. Die schlimmste Zeit meines Lebens, dachte ich damals und die Nächte an Tims Bett auf der Intensivstation waren so schwer und ich trotz so wahnsinnig vieler Freunde kam mir unheimlich verlassen vor. Ich schreibe das heute bewusst, weil ich in den letzten Tagen noch einmal alle die vielen Emails und Briefe gelesen habe, die mir damals Mut zugesprochen haben. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich alle beantwortet habe, weil einfach eine ganze Welt über mir zusammen gebrochen ist. Wem ich nicht geantwortet habe: es war bestimmt keine Absicht.
Bis Mai bin ich wie eine leere Hülle durch die Gegend gelaufen und erst meine Rückkehr nach Nepal hat mein Leben wieder ein bisschen geordnet. Meine Tage im Kloster, haben die Dimensionen verdeutlicht, haben mir Chancen und Perspektiven eröffnet und mir ganz wichtige Erkenntnisse mit auf den Weg gegeben. Es war eine schöne Zeit und doch war ich lange nicht so frei, wie vor diesem 22.April 2009. Danach folgten Monate die zwischen Hoffen und Bangen waren, mal war Tim fast wie früher und dann merkte man doch deutlich, dass er noch lange nicht den Unfall überstanden hat und sein Gedächtnis nur Bruchstücke – und seltsamerweise nur für die Sachen, die eher nebensächlich sind – verarbeiten konnte. Heute hat sich der Zustand stabilisiert aber oft fühle ich eine einseitige tiefe Verbundenheit, denn Tim kriegt das alles nicht so richtig mit. Früher haben wir beide gefühlt, was wir denken, konnten die Wünsche erahnen. Heute ist das schwer, weil die Reaktionen für mich nicht vorhersehbar sind und Tim sich dieser engen Verbundenheit nicht bewusst ist. Und trotzdem hoffe ich immer noch, dass der Tag kommt und alle die Erinnerungen wieder da sind und ich nicht ganz alleine mit diesen Gefühlen und Empfindungen bin. Das nur darauf hoffen, mag ich nicht alleine den Ärzten überlassen. Ich werde mir jetzt erst einmal sehr viel Zeit nehmen und die intensiv mit Tim verbringen. Bestimmt war es gut für mich, dass ich aus Deutschland wieder weg bin, aber ob es für uns Beide gut war, daran habe ich Zweifel.
Noch schlimmer, als die Zeit, in der ich nichts sehnlicher wünschte, als das Tim aus dem Koma aufwacht, war meine Zeit in Port-au-Prince. Sie hat mir erst klar gemacht, wie viel Glück ich habe und wie dankbar ich sein muss, nicht das Liebste im Leben verloren zu haben. Der 13. Januar 2010 geht mir nicht aus dem Kopf. Wir sind auf der ersten Erkundungsfahrt durch Port-au-Prince an unendlich vielen Leichen vorbei gefahren. Die Kinder, die mit weit aufgerissenen Augen leblos überall rum lagen. Die halben Körper, die aus den Trümmern vor guckten, das alles konnte man nur durch Verdrängung überhaupt verkraften Erst nachdem wir in Eureka ankamen, war überhaupt Zeit alles zu verarbeiten. Nein, ich glaube ich werde nicht noch einmal bei einem Erdbeben direkt vor Ort arbeiten. Auch wenn wir viel erreicht haben, die Trauer und Betroffenheit lähmen lange Zeit nach.
Cable Cars in San Francisco
Wenn ich dann, alles zusammen gerechnet, das letzte Jahr Revue passieren lassen, dann denke ich heute, das ist unmöglich alles in dieser Zeit passiert. Und doch hatte ich direkt nach Nepal im
September die Bekanntschaft mit den Auswirkungen von Ketsana gemacht, die nassen Tage und Nächte auf den Philippinen,wo wir Zeltstädte aufgebaut haben um den Opfern ein Dach über den Kopf zu
geben, weil 100.000 ihre Hütten und Häuser verloren hatten. Danach war ich im November mit Tim in Paris für ein Wochenende und durfte in New York beim Silvesterkonzert von Mariah Carey das neue
Jahr beginnen, nachdem ich 6 Stunden vorher schon mit Tim am Telefon auf das Jahr 2010 angestoßen hatte. Da hatte ich versprochen Anfang Februar nach Deutschland zu kommen. 12 Tage später dann
der Noteinsatz, der alles andere hinten anstellen lies. Danach 3 Tage Krankenhaus in Kalifornien und 2 wunderschöne Tage in San Francisco und wieder New York. Eine Stadt, die ich jetzt schon
nicht mehr mag, weil sie zu groß ist, zu anonym. Hier sind die Leute ständig nett, aber irgendwie ist fast hinter jedem Anlächeln eine Zwanghaftigkeit zu sehen. Das ist nicht echte Herzlichkeit,
mehr gehört Freundlichkeit zum Business. Jetzt bin ich erstmal die letzte Woche hier und meine Freunde, hier, die kann ich eigentlich an einer Hand abzählen, wollen am Samstag eine Party
feiern.
Ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich mich in einem Jahr so verändern kann, dass ich heute viele Dinge ganz ganz anders sehe. Trotz aller Erfahrungen oder gerade deswegen graut mir vor Deutschland. Ich würde mich am liebsten in den hintersten Winkel der Erde verkriechen, statt die Hektik und Jammerei über die schlechten Zustände in Deutschland mit zu erleben. Aber ich glaub, da werde ich mich dran gewöhnen müssen. Ich glaube es war gut, dass ich die Erfahrungen machen konnte und deshalb alles aus seinem ganz anderen Blickwinkel sehen kann. Immer mit dem Wissen, dass man zum Glücklichsein etwas braucht, dass man weder mit Geld noch Hast nach Wohlstand bekommen kann.